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Montag, 5. Dezember 2011

... und das Leben ist doch ein Ponyhof!

Vor einiger Zeit habe ich einmal einen "Psychotest" im Internet gemacht. Es galt, mehr über das eigene innere Kind herauszufinden. Ich habe damals erfahren: Mein inneres Kind ist zehn Jahre alt und will unbedingt ein Pony. Schön, es endlich schriftlich zu haben! Ich heiße Nel Blu, und ich bin süchtig. Es ist eine kostspielige Sucht. Allerdings wenn ich umrechne, wie viele Pferde sich manche andere in Form von Kokain durch die Nase jagen, komme ich noch vergleichsweise gut weg. 

Wie heißt es so schön?
Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd,
ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch.

Alle, die meine Sucht teilen, wissen, was es heißt, über längere Zeit "nur ein Mensch" sein zu müssen. Der Entzug ist knallhart. Ein Dasein ohne samtige Schnobernasen, ohne das Ohrenspiel, ohne das stumme Zwiegespräch auf einsamen Waldwegen? Undenkbar. 

Kurz bevor ich ohne Zugang zu Rössern völlig durchdrehte, habe ich mich entschlossen, mir ein Stück Kindheit zurückzuholen und zwei Wochen auf dem Hof gebucht, der für mich quasi schon immer "der" Reiterhof war. Es ist immer ein besonderes Heimkommen.


Wenn man schon die Eltern, Großeltern, gar die Urgroßmutter des Pferdes gekannt hat, das man sattelt, kommt einem das Tier schon beinahe wie ein lieber Verwandter vor. Man findet die lieben Alten, die die Kindheit begleitet haben und schon lange über die Regenbogenbrücke gegangen sind, in den Jungen wieder. Sie sind im Blick, im Gefühl am Zügel, im Drehen eines Ohrs oder einer liebenswerten Schrulle, deren Herkunft man eindeutig zuordnen kann. 


Einige Grüße habe ich in letzter Zeit Richtung Pferdehimmel geschickt, meist zusammen mit einem Lächeln: "Weißt du noch?"

Ich weiß noch.

Samstag, 26. November 2011

Mein Element

Wir stehn aufrecht und in der Erde verwurzelt
Ströme bewegen leicht uns hin und her
frei ist nur die Sehnsucht dahin
zu den Monden und Sonnen.
(Paul Klee)
Ja, ich bin ein erdiger Typ. Inzwischen gebe ich es sogar zu: Die Erde, das ist mein Ding, wenn dann noch ein bisschen Wald darauf steht, bin ich glücklich. Insofern kann man sich vorstellen, dass ich mich letztens beim Spazierengehen an Landschaft und Licht geradezu "besoffen" habe.


Wenn man in Zeiten aufgewachsen ist, in denen man nur als erfolgreich galt, wenn man möglichst alles hinter sich ließ, um ein Kosmopolit zu sein, ist das zwar eher uncool. Doch im heutigen städtischen Berufsleben hat jeder immer zu funktionieren, egal zu welcher Tageszeit, egal an welchem Wochentag, egal ob der Körper vielleicht schon längst signalisiert, dass ein Moment der Ruhe dringend angezeigt wäre. Angesichts dessen empfinde ich es sogar als ein bisschen Extra-Freiheit, mich dem Kreislauf des Jahres, dem Ein- und Ausatmen der Zeit anpassen zu dürfen.

Nichtsdestoweniger: Die Vorbereitung auf die Winterruhe heißt nicht nur, dass etwas zu Ende geht. Man kann den neuen Anfang beinahe von hier aus sehen. Ein knapper Monat noch, und die Tage werden schon wieder länger. Aber neue Anfänge kommen nicht von allein. Neue Anfänge gründen sich immer darauf, dass man über die kommende Dunkelheit und Kälte hinauszusehen vermag.

Die Kräfte, die man zum Jahresende beinahe schon nicht mehr hat, müssen noch einmal mobilisiert werden. Die Felder müssen vorbereitet werden für den nächsten Frühling, die neue Saat muss noch hinaus. Sie braucht auch ihre Zeit, damit die Samen keimen können und sich verwurzeln.


Du liebe Güte, jetzt bin ich wieder philosophisch, wo ich eigentlich nur einen Aufhänger gesucht habe, um Urlaubsbilder zu zeigen! 

Ich sag's ja ... High geworden vom Spazierengehen über die Felder, das kann auch nur mir passieren.

Montag, 21. November 2011

November in Deutschland – November in Deutschland


Wenn man zu einer unüblichen Zeit Urlaub macht, muss man mit unüblichem Wetter rechnen. Ich wollte mich nicht darauf verlassen, dass die 25 % Preuße im Genmaterial ausreichen, um in rauem Klima und karger Landschaft im Spätherbst zu überleben, also wappnete ich mich rein vorbeugend gegen alles, was da kommen könnte. Insofern hatte ich unter anderem mehrere Regenjacken und natürlich die Matschestiefel dabei, als ich in die Eifel gefahren bin, entschlossen, dem November zu trotzen.

Um es vorweg zu schicken: Die Regenjacke und die Matschestiefel habe ich nicht gebraucht. Dafür war es gut, den dicken Wollpullover dabei zu haben und die Skiunterwäsche. Eines Morgens nämlich sah es so aus, als ich aus dem Wohnzimmerfenster schaute:


Der Raureif hatte die sonst mehr oder weniger prosaisch daherkommende Landschaft in ein Gemälde verwandelt, oder wie wir später beim Ausritt feststellten, in eine Märchenwelt, in der jederzeit ein Einhorn um die Ecke kommen konnte. 

Um so überraschter war ich, als ich nach zwei Wochen Landeanflug auf die Winterruhe nach Hause kam. Anstatt sich langsam auf kalt und dunkel vorzubereiten, treibt die Natur hier zu Hause gar seltsame Blüten: 


Hinterm Haus haben die gelben Rosen angefangen zu knospen. Das Bild ist tatsächlich von heute, im Hintergrund kann man noch den herbstlichen Baum zwischen braungeblättert und kahl erahnen.

Verrückt!

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Erst schießen – dann denken?

Manchmal passiert es mir, dass ich ein Bild mache, ohne lang darüber nachzudenken. Dann fällt mir auf, dass es vielleicht ein besseres Bild ergäbe, wenn ich mir doch ein paar Gedanken mache: die Automatik ausschalten, vielleicht die Belichtungszeit etwas verändern oder doch ein anderer Winkel? Ein anderer Bildausschnitt? Mit Blitz, ohne Blitz?

Es lebe das digitale Zeitalter, Nullen und Einsen sind geduldig und billig ... So entstehen aus diesen Experimenten ganze Bildreihen. Natürlich ist viel Ausschuss dabei.

Hier bin ich aber froh, dass ich mir nachträglich noch Gedanken gemacht habe. Dass ich am Ende des "Shootings" im Herbstwald auf dem Bauch lag und von Spaziergängern in aller Ausführlichkeit kommentiert wurde, tut mir nicht im Geringsten leid. ;-)

Das hier war der Schnellschuss:



Zum Vergleich ein Bild aus der Reihe mit längerer Belichtungszeit (damit das Wasser weniger "eingefroren" aussieht) und mit anderem Bildausschnitt:


Leider scheint es, als wäre die Zeit für ausgedehnte Spaziergänge mit Kamerabegleitung fürs erste vorbei. Über Nacht hat sich kam der Regen, fand es hier schön und blieb. Der Schwarzwald-Buntwald ist so pitschenass, dass ich mich wohl nicht mehr für ein Bild auf den Boden legen werde.

Dem goldenen Oktober sage ich hiermit "Tschüs" und leihe mir dafür ein Gedicht von Heinrich Seidel[1]: 

Regentag im Herbst 

Still vom grauen Himmelsgrunde
Sprüht der sanfte Regenstaub –
Trüber Tag und trübe Stunde –
Thränen weint das rothe Laub;
Vom Kastanienbaum ohn' Ende
Schweben still die welken Hände.


Trübe Herbstesregentage:
Gerne wandr' ich dann allein,
Was ich tief im Herzen trage,
Leuchtet mir in hellem Schein;
In die grauen Nebelräume
Spinn' ich meine goldnen Träume.


Und so träum' ich still im Wachen,
Bis der Abend niedersinkt,
Und in all den Regenlachen
Sanft und roth sein Abglanz blinkt.
In der Nähe, in den Weiten:
Rosenschimmer bessrer Zeiten!
 

[1] Ich bin fündig geworden beim Projekt Gutenberg. Vielleicht nutzt ihr über den Winter auch einmal die Gelegenheit, dort durch die Klassiker zu stöbern ...



Freitag, 14. Oktober 2011

Alte Esel unter sich


Manchmal ist es notwendig, sich zu trennen. So habe ich vor ein paar Wochen die Beteiligung am Pony aufgegeben. "Wer weiß wofür's gut war", hat mein Opa immer gesagt, noch weiß ich es nicht, vielleicht kommt das noch. Dafür habe ich jetzt den Esel. 

Der Esel ist ein armes Fahrradvieh, er wurde ausgesetzt, weil er alt und krank und kaputt war, und sein ehemaliges Herrchen es praktisch fand, ihn beim Umzug einfach zurückzulassen. Ich habe mich also des Esels angenommen. Mit Hilfe eines befreundeten Bastlers wurde der Esel wieder fit. Wie es bei Bastlern so üblich ist, wenn man ihnen freie Hand lässt, hat er aus dem Esel ein Unikat gemacht. Ich habe ein verkehrssicheres Gebrauchsfahrrad mit Federung und 21 Gängen. Ein Rennlager ist jetzt drin, "weil nichts anderes gepasst hat". Die Reifen sind feld- und waldwegtauglich. Ich fahre jetzt sozusagen einen eierlegenden Wollmilchesel. Es ist zwar immer noch ein alter Esel, aber so wie er ist, taugt er mir ganz gut. 

Weshalb am Vorderrad ein französisches und am Hinterrad ein deutsches Ventil ist? "Frag nicht", hat der Bastler gesagt. Also hab ich nicht gefragt, sondern einen Adapter für die Luftpumpe gekauft. ;-) 



Die These, Fahrrad fahren verlerne man nicht, kenne ich wohl, aber ich war mir nicht sicher, ob das auch gilt, wenn die letzte Tour zwanzig Jahre her ist und man bisher nur fünf Gänge geschaltet hat. Am Lenker rechts steht 1 bis 7 dran, das Konzept mit dem Ring zum Drehen scheint auch idiotensicher zu sein. Aber wie die Schaltung links die Kette auf den vorderen Blättern wechselt, das unterliegt Versuch und Irrtum. Der Bastler hatte mich auch vorgewarnt, dass es natürlich kein Vergleich sein würde zu meinem handlichen Damen-Touren-Rädchen von früher. "Der geht nicht so schick um die Kurve. Der ist da ein bisschen rustikaler." 

Meinen ersten Ausritt mit dem Esel lege ich daher auf einen Werktagvormittag und in den Wald. Man muss ja nicht dem ganzen Stadtteil kostenlose Unterhaltung bieten, indem man rustikal aus der Kurve fliegt und sich von einem Gartenzaun pult. Zwar ist es auch ungünstig, sich in Hundeleinen zu verheddern oder den Zorn von spitzstockbewaffneten Walkern auf sich zu ziehen, aber im Wald kenne ich ein paar Abkürzungen und Notausgänge. Der Esel soll ja geländegängig sein, da rechne ich mir selbst ohne detaillierte Kenntnisse der Gangschaltung gegen Fußgänger gute Chancen aus, unerkannt entkommen zu können.

Zunächst einmal schlage ich meinen alten Schulweg ein. Fahrrad fahren verlernt man wirklich nicht, stelle ich fest. Aber die Vokabeln, die ich für die neue Gangschaltung habe, bringen die drei Walkerinnen vor mir aus der Fassung. Nein, die will ich nicht weiter irritieren, also kehre ich um und versuche mich an der anderen Richtung. Da ist auch noch Wald, allerdings hügeliger als der Weg, den ich eigentlich nehmen wollte. Und wie's der Berg so will, komme ich jetzt wirklich an meine Gangschaltungsgrenzen. 

"Knirsch", sagt der linke Schalthebel, und die Kette rattert eine Antwort. Dolmetscher, bitte! Spricht hier einer fließend Fahrrad? Todesmutig drehe ich weiter am Rad, und jetzt, endlich, springt die Kette um aufs – verflixt, das andere Blatt. Das, was grade physikalisch ungünstig ist. Also hektisch zurückgedreht. Knirsch! Ratter! Und noch mal, denn ich brauche die Übersetzung für bergab. Knirsch! Diesmal hab ich den Dreh besser raus, und die Kette springt sofort um.

Der Weg ist frei, ich flitze im 21. Gang durch den Wald. Sage und schreibe 21! Ja, ich weiß, ich muss den Weg zurück bergauf strampeln, ja, ich weiß, in der Form bin ich wahrscheinlich nicht, aber ich will – brauche - noch eine Minute den Fahrtwind. Und noch eine Minute. Hach, was soll's, bis ins Nachbardorf fahre ich noch, und dann wieder zurück.

Natürlich mache ich den Anfängerfehler und gehe den Berg auf dem Rückweg zu schnell an, sodass ich völlig außer Puste zu Hause ankomme und mein Gesicht Ton in Ton mit dem tiefroten Rallyestreifen auf meinem Helm ist. 

Ich kann es noch! Und einen braven Esel habe ich da unterm Sattel.

Er geht durch unwegsames Gelände, er bringt mich nicht ins Schleudern, er macht mir den Berg leicht. Und er hat mich nicht abgeworfen. Vielleicht liegt er nicht schick in der Kurve, der Esel. Garantiert wird er mich nicht überall dort hin bringen, wo mich das Pony hingetragen hat. 

Aber für die eine oder andere Fahrt ins Blaue wird er gut sein, und da freue ich mich drauf.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Hoch hinaus


Ein beliebter Witz im alemannischen Sprachraum dreht sich darum, dass jemand sich lauthals darüber beschwert, von einer Schnecke umgerannt worden zu sein. Auf die Frage, wie das denn passieren konnte, die anklagende Antwort: "Der Schneck isch vu hinte cho."

So eine Begegnung war es nicht.

Als ich vom Spaziergang zurück kam, saß mitten an der Hauswand, in etwa fünf Meter Höhe, eine Schnecke. Sie muss schon an der Wand gesessen haben, als ich losgegangen bin, denn ein Schneckentempo ist etwa drei Meter pro Stunde schnell. Was bewundernswert ist. Ein wahres Höllentempo, wenn man bedenkt, dass das arme Vieh ein ganzes Haus im Gepäck hat. Ich zumindest wäre mit einem Haus auf dem Buckel nicht so schnell. Vor allem nicht eine Steilwand hinauf.


Was sie da will, hat sie mir nicht verraten. Vielleicht weiß sie es auch nicht genau, was sie da will. Vielleicht dachte sie einfach: "Ich geh dann mal los, mal sehen, wie weit ich komme." Vielleicht hat sie auch gar nichts gedacht, und vielleicht sollte ich mir auch nicht so viele Gedanken um einen Schneck machen.

Schnecken sind nun nicht gerade als Sinnbild für Ambition und Zielstrebigkeit bekannt. Aber ich bin sicher, die Schnecke wird eines Tages ankommen.

Sie hat Zeit.